Hauptreportage |
Globale Erwärmung und verlorene Landgebiete: Die Effekte des Meeresspiegelanstiegs verstehen |
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Von: Professor Vincent Gaffney, Chair in Landscape Archaeology and Geomatics University of Birmingham, The Institute of Archaeology and Antiquity HP Visual and Spatial Technology Centre, Edgbaston, Birmingham United Kingdom |
© iStockphoto.com/MLenny ”Die Grönland-Eiskappe wird (innerhalb von 50 Jahren) wahrscheinlich nicht mehr existieren, falls nicht viel mehr substantielle Reduzierung von Emissionen durchgesetzt wird, als die, die geplant ist. Die Schmelze wird wahrscheinlich auch unumkehrbar sein.” (Kofi Annan, damaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen, November 2004) Gemäß dem „U.S. Geological Survey (USGS)” würde die Zerstörung der Grönland-Eiskappe eine potentielle Meeresspiegelerhöhung von 6,55m oder 21,5 Fuß nach sich ziehen. Dieser erhöhte Wasserspiegel würde mehr als 669.739.138 Menschen weltweit betreffen und einen Landverlust von mehr als 5.431.902 km2 mit sich bringen. Die westantarktische Eisschicht ist besonders gefährdet, da der Großteil unter dem Meeresspiegel liegt. Ein Bruch dieser beiden Eiskappen würde in einem rapiden Anstieg des globalen Meeresspiegels auf 8m oder 26,25 Fuß resultieren. Dieses Szenario ist noch nicht mal der schlimmste Fall, der die zusätzliche Schmelze der ostantarktischen Eiskappe, der antarktischen Halbinsel und anderer Eisflächen, Felder und Gletscher beinhalten würde und einen potentiellen Meeresspiegelanstieg auf 80,32m oder 263,5 Fuß verursachen könnte. „Ein Meeresspiegelanstieg von 10m würde ca. 25% der U.S. Bevölkerung überfluten und würde die Hauptauswirkungen auf Menschen und Infrastrukturen in den Golf– und Oststaaten beschränken”, beschreibt ein Meeresspiegel– und Klimareport des USGS.
© iStockphoto.com/TAPshooter Sogar zurückhaltende Schätzungen eines erhöhten Meeresspiegels von nur 95cm oder ungefähr 3 Fuß, würden bis zum Jahr 2100 in den USA Chaos auslösen, weil „die Vorhersage von Küsten– und Gebietsverlustraten für die Planung von zukünftigem Küstenmanagement kritisch ist. Bis dato wurde die langfristige Planung für die Küstenlinien wenn überhaupt nur stückweise durchgeführt. Daher werden ganze Gemeinden geplant ohne adäquate Berücksichtigung von möglichen Erosions–, Überflutungs– und Sturmschäden, die mit einem Meeresspiegelanstieg verbunden sind.” Das USGS schätzt, dass ungefähr 27% der U.S. Ostküste sehr hohes, 20% hohes, 23% moderates und weniger als 30% niedriges Risiko trägt. Anders ausgedrückt ist die ganze Ostküste in Gefahr. Abgesehen von dem beschleunigenden Effekt, der durch menschlich induzierte Treibhausgase ausgelöst wird, ist der natürliche Zyklus der Erde bekannt. Der langfristige Klimawandel und Meeresspiegelanstieg hat auch schon in früheren Perioden zerstörerische Auswirkungen für Menschen gezeigt. Beispielsweise stimmen Experten überein, dass der globale Wasserspiegel während dem letzten glazialen Höhepunkt ungefähr 125m oder 410 Fuß unter dem derzeitigen Stand lag. Als sich das Klima erwärmte nahmen die Meeresspiegel aufgrund von schmelzenden Eiskappen zu. Ein Desaster gab es als das Wasser in dem Gebiet der heutigen Nordsee anstieg. Das Wasser verschlang dort die Menschen und das Land.
© iStockphoto.com/remem Für viele ist die Nordsee ein graues, unspektakuläres Stück Wasser, das man auf dem Weg von England nach Frankreich mit dem Schiff oder dem Flugzeug überquert. Wenige Menschen stellen sich während dieser Reise vor, dass diese Gewässer eine prähistorische Landschaft bedecken, die größer als das Vereinigte Königreich ist. Jedoch würden die Leute bestimmt mal überlegen, wenn sie wüssten, dass die globale Erderwärmung zwischen 10000 und 7000 vor Christus die Meeresspiegel hat steigen lassen und eine riesige bevölkerte Fläche, die sich ohne Unterbrechung von England bis nach Dänemark zog, verschluckte – eine Fläche, die so groß ist, dass Europa gewissermaßen ein ganzes Land verloren hat. „Während der letzten 5 Jahre haben Wissenschaftler und Archäologen in Britannien angefangen, neueste Technologien zu verwenden, um dieses verlorene Land zu erkunden und um eine Notwarnung über die Auswirkungen von zukünftigen Meeresspiegelerhöhungen auszugeben. In vieler Hinsicht begann die Geschichte der Menschen, Kultur und Gebiete, die verloren gingen, vor fast 80 Jahren im September 1931, als der Fischdampfer Colinda beim Fischen vor der Küste Norfolks, nahe der Leman and Ower Banks in der südlichen Nordsee umhertrieb. Wenn Fischdampfer angeln, kratzen ihre schweren Netze am Meeresboden und fahren nicht nur den Tagesfang ein, sondern auch Treibgut wie Holz, Muscheln, seltsame Knochen und sogar Torfbrocken. Ob der Fang an diesem Tag nun ungewöhnlich oder ob der Crew langweilig war, ein Torfbrocken wurde jedenfalls aufgebrochen und ein prähistorischer, stacheliger Gegenstand fiel heraus. Dieser Fund – ein eher elegantes Artefakt aus Geweih und 21,5cm lang – wurde wahrscheinlich als Harpune, Dreizack, Fisch– oder Aalspeer, genutzt. Der Skipper der Colinda, Pilgrim E. Lockwood war interessiert genug und nahm ihn mit nach Hause. Von dort aus fand er schließlich den Weg zum Schlossmuseum in Norwich.
© iStockphoto.com/JGTH Archäologisch gesehen war die Harpune nicht einzigartig und wurde schnell in das Zeitalter der Mittelsteinzeit (9000 bis 4000 v. Chr.) eingestuft. Was jedoch anders war mit dem Leman-Ower Fund war der Ort des Gegenstands – 25 Meilen oder 40km vor der Küste des neuen Britanniens. Wie gelang die „Harpune” so weit weg vom Festland? Das Geheimnis der Harpune wurde schließlich enthüllt von einer Gruppe brillanter, junger Akademiker aus Cambridge – am nennenswertesten darunter ist Grahame Clark (der später zum besten Experten Britanniens für die Mittelsteinzeit wurde), aber auch die zwei dynamischen Botaniker Harry und Margaret Godwin. Sie glaubten, dass neue wissenschaftliche Techniken aus der Geologie– und Pflanzenwissenschaft genutzt werden könnten, um zu erforschen und zu erklären wie sich Menschen an ihre Umwelt anpassten oder sich mit ihr veränderten. Die Studie über Pflanzenpollen, die in geologischen und pflanzlichen Überresten erhalten sind, würde den Forschern eine Rekonstruktion der damaligen Natur erlauben und es zudem ermöglichen, die Veränderung über die Zeit hinweg zu verfolgen. Die Harpune erzählt eine beunruhigende Geschichte Die Entdeckungsreise über die Bedeutung der Harpune begann als die Godwin Geschwister Pilgrim Lockwood um Hilfe baten. 1932 kehrte die Colinda zu den Leman–Ower Banks zurück, um mehr von dem Torf zu sichern, der die Harpune enthielt. Die Ergebnisse waren beunruhigend. Pollen wiesen darauf hin, dass die Harpune aus Süß– und nicht Salzwasser stammt und die Umwelt vergleichbar mit Proben vom Festland in den Ländern ist, die heute an der Nordsee liegen. Clark schätzte sogleich die Bedeutung dieser Resultate ein und kam zum Schluss, dass die Beweise auf die Existenz einer großen Ebene hindeuteten, die von Jägern besiedelt wurde und sich über das Gebiet der Nordsee vor 10000 Jahren ausdehnte und deren steigende Wasserspiegel nach der letzten Eiszeit dieses Land überschwemmt hatten. Unglücklicherweise platzierten die dunklen Gewässer der Nordsee die Landschaft weit außerhalb der Reichweite von moderner archäologischer Prospektion oder Erforschung. Da keine praktischen Methoden für die Erforschung dieses Gebietes existierten, wurden die Länder der Nordsee stückweise vergessen, außer vielleicht als Landbrücke über die Britannien kolonialisiert wurde. Dennoch wurden immer wieder archäologisches Material, Knochen und Steinwerkzeuge aus der Nordsee geborgen. 1998 wurde das Interesse durch die Arbeit von Professor Bryony Coles wieder aufgefrischt. Sie baute auf das gesamte vorhandene Wissen und entwickelte eine Reihe spekulativer Landkarten, die sie als „Doggerland” bezeichnete, benannt nach den großen „Banks” in der südlichen Nordsee. Trotzdem meinte Coles, dass „wir wenig zusätzliche archäologische Beweise haben im Vergleich zu Clark im Jahr 1936.” Die Nordsee bleibt daher terra incognita.
© iStockphoto.com/Johncl Jedoch brachte eine Diskussionsrunde in einer Klasse von Masterschülern an der Universität von Birmingham (UK) Vincent Gaffney dazu, noch mal über das verlorene Land nachzudenken. Obwohl das Gebiet von Archäologen weitgehend ignoriert wurde, wurden langsam aber sicher viele Informationen über das Meer und seine geologische Geschichte gesammelt. Dies rührt aus der Entdeckung von Öl und Gas in der Nordsee und der zunehmenden Extraktion von Schuttablagerungen vom Meeresboden. Forscher in Birmingham fingen an zu spekulieren, ob seismische Daten, die für die Ölerschließung gesammelt wurden, auch genutzt werden könnten, um vergrabene Überreste zu lokalisieren und um diese verlorene Welt zu erforschen. Ein eilig arrangiertes Treffen zwischen den beiden Archäologen Vince Gaffney und Simon Fitch zusammen mit Dr. Ken Thomson, einem Spezialist für seismische Datenverarbeitung, bestätigte dies als Möglichkeit. Seismische Vermessung ist eine Technologie, die einerseits oft von Geologen genutzt wird, um den unterirdischen Erdboden zu erforschen und andererseits von der Öl– und Gasindustrie zur Erschließung verwendet wird. In der Regel sammeln die Untersuchungen einzelne Datensätze und zeigen ein Stück durch die Erdkruste. Allerdings ist es für dieses Projekt wichtiger, dass auch seismische Daten in 3D gesammelt werden können. Diese Daten formen einen digitalen Würfel, der horizontal und vertikal geschnitten werden kann, um vertikale Profile und horizontale Karten des Gebietes unter dem Meeresboden abzubilden. Die Enthüllung einer verlorenen Welt Das neue Forschungsteam fragte bei einer „Petroleum Geologie Vermessungsfirma” (PGV) nach Probedaten; die ersten Experimente verliefen sehr erfolgreich. Innerhalb kurzer Zeit produzierte das Team den ersten Plan eines Flusses, der vor 10000 Jahren durch das Gebiet der Nordsee floss. Die Aufregung über diese dramatischen Bilder kann kaum beschrieben werden. Das Team fühlte sich wie Entdecker eines komplett unbekannten Landes. Der erste Fluss wurde „Shotton” genannt, nach Fred Shotton, einem Geologen aus Birmingham; er ist wegen vielen Dingen berühmt; er wurde über besetztem Gebiet abgeworfen, um die Invasionsstrände zu vermessen und um sicher zu stellen, dass sie am D-Day für die schweren Fahrzeuge der Alliierten geeignet waren (http://www.arch-ant.bham.ac.uk/shottonproject/profshotton.htm). Nach diesem viel versprechenden Beginn wurden weitere 23.000km2 an seismischen Daten durch die PGV für Forschungszwecke gespendet. Das Projektgebiet war nun so groß wie Wales – ein modernes Land. Gesponsert durch Mittel der Gesteinsindustrie begann eine Gruppe von Forschern diesmal hauptberuflich, an dieser gigantischen Datenmenge zu arbeiten. Sie fingen an, das neue Land zu vermessen. In seinem Zentrum war ein riesiger See, der eine große Meeressenke bedeckte, 100km lang war und bei den Meeresgeologen nun als „Outer Silver Pit” (Äußere Silbergrube) bekannt ist. Diese imposante Wasserfläche war von weiten Ebenen umgeben, durch die große Flusssysteme führten. Riesige Flussmündungen formten sich dort, wo die Flüsse in den See und in die Marschländer flossen. Einer im Speziellen, angrenzend an das Seeufer, scheint mehr als 300km2 bedeckt zu haben. Niedrige Hügel begrenzten die Täler und einzelne Hügelchen konnten in den seismischen Bildern sogar wahrgenommen werden.
© iStockphoto.com/MaxFX Globale Erwärmung und eine historische WarnungDas Land wäre eine wundervolle Umgebung für Jäger gewesen. Genügend Wasser, Fische, Vögel und andere Tiere hätte es gegeben. Die Seen und Sümpfe hätten auch Schilf für Flechtarbeit bereitgestellt. Es ergeht jedoch aus der Studie, dass die Landschaft sich veränderte und dass sie schließlich verloren ging. Als das Wasser stieg wurden die Flussmündungen breiter und die Sümpfe weiträumiger. Das Meer brach letztendlich in den See ein und wurde zur Gezeitenströmung mit gefährlichen Brandungsrückströmen. Nach und nach wurde das Land überschwemmt und ging verloren. Was für eine Bedeutung trägt eine solche Geschichte heutzutage? Zunächst sollten wir festhalten, dass diese Entdeckung nicht einfach wissenschaftliche Erfindungen sind; eine sehr reale, menschliche Tragödie liegt hinter dem Verlust dieser immensen Landmasse. Die Küstenlinien, Flüsse, Sümpfe und Hügel, die während dem Projekt vermessen wurden, waren für Tausende von Jahren Teile einer vertrauten Landschaft für die Völker aus Europa. Flüsse wären benannt worden; Flussmündungen und niedrige Hügel, die mit Erinnerungen der Vorfahren verbunden waren, wären den Menschen ans Herzen gewachsen. Zu manchen Zeiten heimtückisch und langsam, aber erschreckend schnell zu anderen Zeiten, muss die Überschwemmung für die dort lebenden Menschen zerstörerisch gewesen sein. Ganze Gebiete könnten in der Erinnerung von Generationen verschwunden sein. Das Leid, das durch den Verlust des Landes ausgelöst wurde, das Gemeinschaften und Stämme unterstützte, ist für uns nahezu unmöglich zu begreifen. Alles ging zusammen mit der Landschaft verloren, als die Meeresspiegel stiegen und das Land zurückwich. Verstörenderweise passierten diese Dinge als Konsequenz einer Meeresspiegelveränderung, die mit der heute vorhergesagten Rate über das nächste Jahrhundert hinweg gleich ist. Es ist ein beunruhigender Fakt, dass in Britannien, in Nordwesteuropa und in den Vereinigten Staaten der Großteil der Bevölkerung und kritischen Infrastrukturen an der Küste liegt. Und im Gegensatz zu den Jägern im Europa der Mittelsteinzeit werden wir im Angesicht von rapider und potentiell katastrophaler Meeresspiegelerhöhungen nicht so mobil und flexibel sein. In einer Zeit, in der globale Erwärmung und Meeresspiegelanstieg jetzt als eine der größten Bedrohungen für unseren Lebensstil akzeptiert wird, sollte das Schicksal der Landschaften und Völker der Nordsee nicht als eine akademische Kuriosität interpretiert werden, sondern doch eher als eine entscheidende Warnung. Desaster vorbeugen: Das Potential hinter der Studie Das langfristige Ziel dieser Studie ist es, durch Informationen von der Nordsee das Weltverständnis zu fördern und zu zeigen, wie schnelle Klima– und Wasserspiegelveränderung die Landschaftsentwicklung und das menschliche Dasein beeinflusst. Wenn detaillierte Umweltmodelle und –Rekonstruktion mit den seismischen Daten kombiniert werden können, wird es Anwendungen für den Festlandsockel im Rahmen von Meeresbodentechnik und internationalem Kulturmanagement geben. In Anlehnung an die extreme Anfälligkeit der U.S. Ostküste, könnte diese neue Technologie zusammen mit den seismischen Daten, die für die Öl– und Gaserschließung in der Region gesammelt werden, neue Informationen und Optionen bieten, um das sonst drohende Desaster zu lindern. Für mehr Informationen zu diesem Projekt und den Anwendungen dieser Technologie kontaktieren Sie bitte Professor Vincent Gaffney an der Universität von Birmingham via Email unter v.l.gaffney@bham.ac.uk. Für mehr Details zu Dr. Gaffneys Projekten gehen Sie bitte auf www.iaa.bham.ac.uk/computing/HP_VISTA/HPindex.htm. Für Dr. Gaffneys kompletten, unüberarbeiteten Artikel mit zusätzlichen Bildern loggen Sie sich bitte auf www.centerforabetterlife.com ein. Laden Sie Dr. Gaffneys vollständigen, unbearbeiteten Artikel mit zusätzlichen Bildern hier herunter. (2.4MB pdf) |
